Eine Informationsfreiheitsanfrage enthüllt: Über 65 Kunstwerke aus der öffentlichen Sammlung des britischen Parlaments gelten seit 2024 als vermisst. Darunter ein Foto von Benjamin Disraeli, ein Stich von William Wilberforce und eine Karikatur von Barbara Castle. Die Behörden betonen, es handle sich um eine Sammlung in Gebrauch – endgültig verloren sei nichts.

Ein kultureller Schatz unauffindbar

Das britische Parlament hat die Spur von mehr als 65 Kunstwerken verloren – das ergab eine Informationsfreiheitsanfrage (Freedom of Information, FoI) der Nachrichtenagentur Press Association. Die Liste umfasst Stücke von hohem historischem und kulturellem Wert, darunter eine Fotografie des ehemaligen Premierministers Benjamin Disraeli, ein Kupferstich-Porträt des Abolitionisten William Wilberforce und eine satirische Karikatur von Barbara Castle.

Die verschwundenen Werke im Detail

Unter den vermissten Objekten befindet sich eine Aufnahme Disraelis, die der viktorianische Porträtfotograf John Jabez Edwin Mayall schoss – derselbe Künstler, der auch Charles Dickens und Karl Marx vor der Linse hatte. Ebenfalls fehlt ein Stich von Wilberforce, gestochen von William Holl und seinem Bruder Francis. Die Karikatur von Barbara Castle, die sie als Florence Nightingale zeigt, stammt vom Zeichner Martin Rowson und entstand während des konservativen Führungswahlkampfs 1995.

Zudem wird eine Fotografie von Margaret Beckett vermisst – die erste Frau an der Spitze der Labour-Partei und erste Außenministerin des Vereinigten Königreichs.

Ein wiederkehrendes Phänomen

Der Verlust von Kunstwerken ist nicht neu: Bereits 2018 ergab eine ähnliche Anfrage, dass 224 Werke unauffindbar waren, darunter Porträts von William Pitt dem Jüngeren und ein Ölgemälde aus dem Zweiten Weltkrieg. Heute ist die Zahl auf 65 gesunken – fünf Werke wurden laut Behörden in diesem Jahr wiedergefunden.

Ein Sprecher des Parlaments erklärte, es handle sich um eine „Arbeitssammlung“, deren Objekte häufig zwischen den registrierten Standorten wechseln. „Es gibt keine Hinweise darauf, dass die Werke dauerhaft verloren sind“, so der Sprecher. Keines der Stücke sei abgeschrieben oder als finanzieller Verlust verbucht worden.

Der Karikaturist nimmt es gelassen

Martin Rowson, Schöpfer der verschwundenen Karikatur, zeigte sich wenig überrascht: „Originale verschwinden öfter, als man denkt.“ Er erinnerte an eine Karikatur von 2004, die dem damaligen Minister Denis MacShane geschickt wurde und „nie über die Poststelle hinauskam“. Rowson relativierte: „Schade, aber es sind nicht die Kronjuwelen. Ein Original ist das moderne Äquivalent zu den Kupferplatten von Hogarth oder Gillray.“

Die Kunstsammlung des Parlaments gehört zu den vier historischen Sammlungen des Hauses und umfasst insgesamt 26.000 Objekte, darunter Möbel und dekorative Kunst.

Der Fall sorgt in Großbritannien für Diskussionen über den Umgang mit öffentlichem Kulturerbe – und wirft Fragen nach der Sicherheit und Dokumentation solcher Bestände auf.