Die einstige Hochburg bröckelt
Javier Milei, der 2023 mit dem Versprechen eines radikalen Wandels die argentinische Präsidentschaft gewann, verdankte seinen Aufstieg maßgeblich der Unterstützung der jungen Wähler. Doch gut ein Jahr vor den Präsidentschaftswahlen 2027 zeigt sich ein dramatischer Stimmungswandel. Eine gemeinsame Erhebung von Atlas Intel und Bloomberg Ende Juli, basierend auf 1.120 Fällen, ergab eine allgemeine Zustimmung von nur noch 37,1 Prozent für den libertären Ökonomen, während die Ablehnung auf 62,4 Prozent gestiegen ist.
Besonders alarmierend ist der Blick auf die Altersgruppe der 16- bis 24-Jährigen: Hier erreicht die negative Bewertung Mileis 76,9 Prozent. Auch bei den 25- bis 34-Jährigen ist die Ablehnung mit 71,9 Prozent extrem hoch. Diese Zahlen sind umso bedeutsamer, als 53 Prozent des Wählerregisters jünger als 39 Jahre sind – die Jugend ist also das Zünglein an der Waage jeder Wahl.
„In den letzten drei Monaten gibt es einen ziemlichen Anstieg der Negativität und Ablehnung bei jungen Männern über 25 Jahren. Bei den unter 25-Jährigen besteht noch eine gewisse Unterstützung für die Regierung, aber sie wird immer geringer“, erklärt Gustavo Córdoba, Direktor von Zuban Córdoba.
Die Wirtschaft als Hauptgrund für den Frust
Die wirtschaftliche Misere ist der rote Faden, der die Abkehr der Jugend erklärt. Eine Studie des Instituto Universitario CIAS, durchgeführt zwischen Mai und Juni in Armenvierteln des Großraums Buenos Aires (AMBA), zeigt: 75 Prozent der jungen Menschen sind der Meinung, dass sich die Wirtschaft in den letzten zwölf Monaten verschlechtert hat. Nur 8 Prozent sehen eine Verbesserung.
Die gleiche Erhebung belegt, dass 60 Prozent der jungen Haushalte ihren Konsum oder ihre laufenden Ausgaben im Jahr 2026 reduzieren mussten. 57 Prozent waren gezwungen, sich Geld zu leihen oder Kredite aufzunehmen, um den Alltag zu bestreiten. Dabei dominieren informelle Wege: 68 Prozent borgten von Familie oder Freunden, 39 Prozent von Kreditgebern im Viertel. Formelle Kanäle wie Apps oder Kreditkarten nutzen nur 21 Prozent bzw. 18 Prozent.
Auch die Beratungsfirma Management & Fit bestätigt den Trend: Bei den unter 40-Jährigen liegt die Ablehnung Mileis bei 57,3 Prozent, bei Frauen sogar bei 60,9 Prozent. Die größten Sorgen der Bevölkerung sind laut dieser Umfrage die steigenden Preise und Tarife (22,4 Prozent), gefolgt von Korruption (17,9 Prozent), Arbeitslosigkeit (17,6 Prozent) und Armut (16,2 Prozent).
Wohin wandert die junge Wählerschaft?
Die CIAS-Studie fragte auch nach der Wahlabsicht in den Armenvierteln: 67 Prozent der jungen Menschen würden heute den Peronismus wählen, während nur 25 Prozent für La Libertad Avanza stimmen würden. Die Linke käme auf 6 Prozent, die konservative PRO-Partei auf magere 2 Prozent.
Besonders aufschlussreich ist die Wechselbereitschaft: Von denen, die 2023 Milei gewählt haben, würden ihn nur noch 58 Prozent erneut wählen. 16 Prozent tendieren nun zum Peronismus, 20 Prozent sind unentschlossen oder würden nicht wählen, 3 Prozent zur Linken und weitere 3 Prozent zur PRO. Insgesamt bedeutet das: 42 Prozent der jungen Wähler von 2023 haben sich von Milei abgewandt.
Die Reaktion der Regierung und die Rolle von Kicillof
Im Regierungspalast Casa Rosada ist das Problem bekannt. Die Strategen des offiziellen Lagers sind sich bewusst, dass Milei 2027 im ersten Wahlgang gewinnen muss, da ein Sieg in einer Stichwahl unsicher erscheint. Dafür wären 45 Prozent der Stimmen oder 40 Prozent mit einem Vorsprung von mehr als 10 Punkten nötig.
Der Gouverneur der Provinz Buenos Aires, Axel Kicillof, einer der prominentesten Oppositionsführer, will die Gunst der Stunde nutzen: Für Samstag, den 22. August, plant er eine Veranstaltung in San Martín, um den Jugendflügel seiner Bewegung „Derecho al Futuro“ zu gründen. Ziel ist es, die enttäuschten jungen Wähler für sich zu gewinnen.
Eine Umfrage von Zuban Córdoba zeigt, dass nur noch 38 Prozent der Jugendlichen die Regierung Mileis unterstützen – ein deutlicher Rückgang gegenüber den 48 bis 50 Prozent vor den Wahlen 2025. Zudem gaben 68 Prozent an, dass die Frage der nationalen Souveränität ein entscheidendes Thema für 2027 sein könnte, insbesondere nach den jüngsten Massenprotesten gegen eine Änderung des Bodengesetzes.
Ein Rennen ohne klare Favoriten
Die jüngste Erhebung von Zentrix Consultora vom Wochenende bestätigt den Negativtrend: Die negative Wahrnehmung des Präsidenten stieg auf 58,5 Prozent – der schlechteste Wert seit über einem Jahr. Doch die Opposition kann nicht unbedingt profitieren: Auch ihre Hauptfigur hat mit einer fast identischen Ablehnungsquote zu kämpfen, und niemand im offiziellen Lager scheint eine echte Alternative zu bieten. Das Rennen um 2027 ist also völlig offen.
Besonders aufmerksam beobachtet wird die jüngste Umfrage von Jorge Giacobbe, einem dem Kirchnerismus fernstehenden Meinungsforscher: In einer Stichwahl würde Kicillof demnach mit 45,8 Prozent knapp vor Milei (45,4 Prozent) liegen.
Die Regierung versucht unterdessen, ein Bündnis mit der PRO zu schmieden und treibt eine Reform zur Abschaffung der Vorwahlen (PASO) voran, in der Überzeugung, dass ein früher Wahlkampf ihr schaden würde. Die entscheidende Frage bleibt, ob Milei es schafft, die junge Generation, die ihn einst an die Macht brachte, erneut für sich zu gewinnen.