Ein Protest, der die Not von Millionen widerspiegelt
Am Donnerstag, dem 20. August 2026, strömten Tausende Demonstranten – organisiert von der CGT (der größten Gewerkschaftsbund Argentiniens), den beiden CTA-Dachverbänden, der UTEP und weiteren sozialen Organisationen – vor das Wirtschaftsministerium in Buenos Aires. Auch in anderen Städten gab es Proteste, etwa in Córdoba, wo sich Gewerkschaften am Patio Olmos versammelten. Der Grund: die wachsende Überschuldung der argentinischen Haushalte, die viele Familien an den Rand des Existenzminimums bringt.
Der Generalsekretär der Staatsangestellten-Gewerkschaft ATE, Rodolfo Aguiar, warnte unmissverständlich: „Man darf nicht ausschließen, dass die hohe Verschuldung zum Auslöser eines sozialen Aufstands im Land wird.“ Aguiar machte Präsident Javier Milei und Wirtschaftsminister Luis Caputo direkt verantwortlich: „Der Präsident lügt, wenn er behauptet, niemandem sei eine Pistole an den Kopf gehalten worden. Seine Wirtschaftspolitik ist wie eine 9-Millimeter-Pistole an der Schläfe von Millionen Argentiniern.“
Alarmierende Zahlen
- Mehr als 20 Millionen Menschen in Argentinien sind verschuldet (laut Zentralbank).
- Die Zahlungsausfälle privater Haushalte haben sich seit Dezember 2023 vervierfacht und erreichten 17,5 % der Personalkredite.
- Ein Bericht des CEPA (Zentrum für politische Ökonomie) zeigt: Die Ausfallquote bei virtuellen Geldbörsen stieg von 7,3 % (November 2024) auf 30,1 % (Juni 2026).
- Laut CGT befinden sich 6 Millionen Menschen in einer kritischen Lage, 5 Millionen haben bereits Umschuldungen beantragt.
ATE-Umfrage unter Staatsbediensteten
ATE führte eine eigene Erhebung unter Beschäftigten des öffentlichen Sektors durch:
- 87 % haben laufende Schulden, davon 73 % bei mehreren Instituten gleichzeitig.
- 40 % verwenden Kredite für medizinische Notfälle, Bildung oder Miete und Nebenkosten.
- 37 % nutzen sie zur Tilgung anderer Schulden oder für Lebensmittel und Kleidung.
- 85,4 % berichten über eine Verschlechterung ihres emotionalen und psychischen Wohlbefindens: Angst (19,5 %), Verzweiflung und Erschöpfung (17 %), Mutlosigkeit (16 %) und Schlaflosigkeit (15 %).
Kritik an virtuellen Geldbörsen und Mercado Pago
Ein Hauptziel des Protests war Mercado Pago, dem vorgeworfen wird, wucherische Zinssätze zu verlangen. Osvaldo Bassano von der Verbraucherschutzorganisation Adduc sagte: „Die Regierung interessiert sich nicht für den Protest, weil sie pervers ist. Über 20 Millionen Menschen haben Probleme, und der Staat ist Komplize des Wuchers.“ Bassano warnte, falls es keine Antworten gebe, werde der Konflikt „auf der Straße enden, mit Gewalt und sozialem Chaos“.
Gerónimo Rossi, Vorsitzender der Acuba (Vereinigung der Bankkunden), bezeichnete die virtuellen Geldbörsen als „virtuelle Kredithaie“, die Kredite „mit einem Klick“ vergeben, ohne die tatsächliche Rückzahlungsfähigkeit zu prüfen. Er betonte, dass traditionelle Banken bereits Umschuldungen mit niedrigeren Zinsen anböten – das beweise, dass es „möglich“ sei, wenn der Wille vorhanden sei.
Konkrete Forderungen an die Regierung
Die CGT übergab Wirtschaftsminister Caputo eine Liste mit drei zentralen Forderungen: Eingreifen der Zentralbank zur Regulierung der Zinssätze, ein Umschuldungsplan für Familien und kleine Unternehmen sowie Entlastungsprogramme für die schwächsten Bevölkerungsgruppen. Zudem trafen sich Verbraucherorganisationen am Freitag mit dem Abgeordneten Esteban Paulón, um Gesetzesentwürfe zur Regulierung von Finanztechnologie-Unternehmen (Fintechs) und zur Transparenz von Kreditkosten voranzutreiben.
Der frühere Abgeordnete und heutige Leiter der Verbrauchervereinigung Ricardo Vago wies auf die Rolle des Smartphones in dieser Krise hin: „Es gibt wenig Arbeit, Verschuldung, Online-Wetten. Das Telefon ist magisch, weil alles sofort passiert.“
Ein Klima der Not
Der Protest findet vor dem Hintergrund wachsender sozialer Spannungen statt, mit steigender Armut und sinkendem Konsum. Während die Regierung behauptet, die Wirtschaft verbessere sich, zeigen Indikatoren, dass die Banken-Morositätsrate von 2,5 % (Oktober 2024) auf 12,7 % (Mai 2026) gestiegen ist (Zentralbank). Die CGT schätzt, dass 20 Millionen Argentinier verschuldet und 6 Millionen in einer kritischen Lage sind. Der Gouverneur der Provinz Buenos Aires, Axel Kicillof, verglich die Situation mit der Subprime-Krise von 2008 und kündigte Ermittlungen gegen virtuelle Geldbörsen wegen Verstößen gegen das Verbraucherschutzgesetz an.
Die Demonstration vom Donnerstag ist nur der Anfang: Die CGT hat bereits neue Proteste für den 2. September (Tag der Industrie) angekündigt und plant einen anhaltenden Aktionsplan, bis die Regierung ihre Wirtschaftspolitik ändert.