Ein historischer Moment für die Weltdiplomatie
Wie The Guardian berichtet, hat sich die costaricanische Diplomatin Rebeca Grynspan als Überraschungs- und Favoritenkandidatin für die Leitung der Vereinten Nationen (UN) herauskristallisiert. Sollte sie gewählt werden, wäre sie nicht nur die erste Frau im Amt der Generalsekretärin, sondern auch die erste jüdische Person, die diesen Posten innehat. Dies würde einen Meilenstein in der 80-jährigen Geschichte der Organisation markieren.
Grynspan ist derzeit Leiterin der Konferenz der Vereinten Nationen für Handel und Entwicklung (UNCTAD), einem Organ der UN-Generalversammlung, das sich mit Handel, Investitionen und Entwicklung befasst. Ihre Kandidatur sendet eine Botschaft der Hoffnung und Kontinuität und wird vom amtierenden Generalsekretär António Guterres stillschweigend unterstützt, dessen zweite Amtszeit am 31. Dezember 2026 endet.
Wer ist Rebeca Grynspan?
Die Geschichte von Grynspan ist eine Geschichte von Widerstandsfähigkeit und Frieden. Ihre Eltern wanderten aus Polen nach Mittelamerika aus, um dem Holocaust zu entkommen, und ihre Großeltern mütterlicherseits wurden von den Nationalsozialisten ermordet. In einer emotionalen Rede vor der UN-Generalversammlung betonte Grynspan: „Der Frieden ermöglichte es meinen Eltern, zwei Flüchtlingen des Zweiten Weltkriegs, in einem kleinen Land, Costa Rica, Respekt und Würde zu finden. Ich bin ein Kind dieses Friedens, ein Beweis dafür, was Frieden möglich macht.“
Ihre Schwester zog im Alter von 17 Jahren nach Israel, um zu studieren, weshalb ihre Neffen und Nichten den Wehrdienst in den Israelischen Verteidigungskräften absolviert haben. Dennoch hat unter ihrer Führung in der UNCTAD die Organisation die wirtschaftlichen Auswirkungen der israelischen Besatzung in den palästinensischen Gebieten rigoros dokumentiert. Ein historischer Bericht aus dem Februar 2026 schätzte, dass die palästinensische Wirtschaft zwischen 2000 und 2024 212,2 Milliarden US-Dollar (in konstanten Dollar von 2015) verloren hat, was ihr festes Engagement für Objektivität und Menschenrechte unter Beweis stellt.
Der Wahlprozess im Sicherheitsrat
Die Wahl des neuen Generalsekretärs findet durch ein informelles System der regionalen Rotation statt. Da Guterres aus Portugal stammt, wird erwartet, dass der nächste Führer aus Lateinamerika kommt.
Bei einer jüngsten Testabstimmung im Sicherheitsrat, der aus 15 Mitgliedern besteht (5 ständige und 10 nichtständige), erzielte Grynspan sehr ermutigende Ergebnisse:
- Dafür (Encourage) 10
- Keine Meinung 4
- Dagegen (Discourage) 1
Zur Erinnerung: Um gewählt zu werden, benötigt Grynspan die Unterstützung der Generalversammlung (193 Länder), basierend auf einer Empfehlung des Sicherheitsrats. Dazu benötigt sie neun positive Stimmen und kein Veto der ständigen Großmächte (USA, Russland, China, Großbritannien, Frankreich). Es wird erwartet, dass der Prozess im Oktober 2026 abgeschlossen wird.
Weitere Kandidaturen im Rennen
Ihre stärkste Konkurrentin ist Carolyn Rodrigues-Burkett, ehemalige Botschafterin von Guyana bei den UN, die neun Stimmen dafür, zwei dagegen und vier ohne Meinung erhielt. Obwohl sie bei einer von Bloomberg gesponserten Debatte in der Generalversammlung im vergangenen Monat mit 49 % der Publikumsstimmen führte, belegte Grynspan den zweiten Platz mit 14 %.
Andere Persönlichkeiten wie die ehemalige chilenische Präsidentin Michelle Bachelet stoßen auf den Widerstand der Regierung der Vereinigten Staaten, die der Meinung ist, sie sei zu nachsichtig mit der Menschenrechtsbilanz Chinas umgegangen. Die aktuelle US-Regierung schlug sogar den FIFA-Präsidenten Gianni Infantino vor, was eine Abkehr von den traditionellen multilateralen Dynamiken widerspiegelt.
Trotz der Herausforderungen, mit denen die UN konfrontiert ist – darunter Personalreduzierungen von 20 % –, stellt die mögliche Wahl von Grynspan ein Licht der Hoffnung dar, um die Diplomatie und die Rolle der Organisation als Vermittlerin und moralisches Gewissen der Welt zu beleben.